Eröffnungsrede zur Ausstellung

Ich muss ganz ehrlich sagen: wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.” so Angela Merkel am 15.September 2015

Sehr geehrte Damen und Herren

In diesem Sinne möchten wir Sie ganz herzlich zur Ausstellungs- eröffnung „Asyl ist Menschenrecht“ hier in der Stadtbibliothek im Namen von attac Memmingen / Illerwinkel begrüßen.

Bei der Konzeption der Ausstellung Anfang des Jahres konnten wir noch nichts von der Enwicklung dieses Sommers und der Brisanz des Themas wissen.

Wir freuen uns deshalb besonders, dass wir diese Ausstellung hier in der Stadtbibliothek zeigen können.

Wir möchten uns bei Herrn Schneider, seinem Team und bei Herrn Reuter für die tatkräftige Hilfe beim Aufbau ganz herzlich bedanken.

Wir begrüßen Frau Annemarie Möhring von der Caritas Beratungs- stelle Mindelheim. Sie wird uns die aktuelle Situation in der Region darstellen.

Und wir begrüßen Herrn Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger und freuen uns, dass er diese Ausstellung eröffnet – Herzlich Willkommen und Dankeschön

Wer ist nun wir?

Dem Attac-Netzwerk haben sich bereits 90.000 Mitglieder in 50 Ländern angeschlossen. Wir verstehen uns als Teil einer globalen Bewegung. Auch in Deutschland bildet Attac ein breites gesellschaftliches Bündnis, das von Gewerkschaften, Umweltverbänden, kirchlichen Gruppen und vielen Einzelpersonen getragen wird.

Wir setzen uns ein für eine ökologische, solidarische und friedliche Weltwirtschaftsordnung. Der gigantische Reichtum dieser Welt muss gerecht verteilt werden. Wir setzten uns ein für mehr Demokratie und Selbstbestimmung.

Die aktuelle wirtschaftliche und politische Entwicklung ist kein Naturgesetz und nicht alternativlos, sondern die Folge politischer Entscheidungen: Entscheidungen, die wir nicht tatenlos hinnehmen müssen; Politik kann auch ganz anders ausschauen,

Wir lernen bei attac, die aktuelle Geschehnisse in größere Zusammenhänge einzuordnen. So auch die jetzige Flüchtlingssituation.

Flüchtlinge und Flüchtlingsströme gab es schon immer und in großer Zahl. Wir alle haben in der Schule die Zeit der Völkerwanderung am Ende des römischen Reiches gelernt. Wir Bayern sind Nachfahren der Bajuwaren die gegen Ende der Völkerwanderung das Land besiedelten, zum Teil die Einheimischen verdrängten und zum Teil sich mit ihnen vermischten.

Es waren immer wirtschaftliche Not, Kriege und extreme Verhältnisse vor Ort, die die Menschen in großer Zahl gezwungen haben ihre Heimat zu verlassen und als Einzelperson, Gruppen oder Völker aufzubrechen und sich woanders niederzulassen.

Auch viele Deutsche und Europäer haben ihr Land verlassen, z.B. während der Zeit des Nationalsozialismus oder die Iren währende der großen Hungersnot. Und es verlassen aktuell jedes Jahr ca. 700.000 Menschen Deutschland.

Wenn eine große Zahl aufbricht, muss die Situation zu Hause dramatisch sein, es muss keine Hoffnung für die Zukunft und vor allem keine Hoffnung für die Kinder bestehen. Niemand verlässt gerne seine Heimat, seine Familie und Freunde und geht in eine ungewisse und auch gefährliche Zukunft.

Die Situation in Syrien – um ein Land zu nennen – ist dramatisch. Viele Millionen Flüchtlinge harren seit Jahren in den Nachbarländern, ihre Heimat wird systematisch zerstört, es gibt keine Hoffnung auf Besserung und wenn der Krieg zu Ende ist, bleibt ein vollständig zerstörtes Land zurück.

Es ist vollkommen nachvollziehbar, dass diese Menschen aufbrechen und eine bessere Zukunft suchen.

Die Gründe sind vielfältig und der Druck auf diese Menschen ist enorm, Deshalb verlassen sie ihr Land und suchen etwas besseres. Und es ist äußerst problematisch, die Gründe für die Flucht zu bewerten.

Dieses Jahr kommen 1.000.000 plus x und wie groß die Zahl der Flüchtlinge in den nächsten Jahren sein wird, lässt sich überhaupt nicht vorhersehen.

Eine Abschottung wird nicht helfen. Verzweifelte Menschen sind in großer Anzahl unterwegs, die Zäune und Grenzen, die wir geschaffen haben, werden überrannt. Es bleibt nur, die Türen aufzumachen und sehr schnell die Fluchtursachen zu bekämpfen.

Übrigens die Türen aufzumachen, wie wir dies nach dem 2. Weltkrieg mit 14 Millionen Flüchtlingen in einem ausgebombten und ausgehungertem Land gemacht haben, und wie wir es in den 90-er mit den Menschen der DDR gemacht haben.

Welche Auswirkungen dies alles auf unsere Gesellschaft, auf Deutschland haben wird ist völlig offen.

Deutschland wird sich durch den Zuzug der Flüchtlinge verändern. Und wir müssen diesen Veränderungen mit Aufgeschlossenheit und Mut entgegentreten.

Es ist einer dieser Augenblicke, in dem alles möglich ist.

Das Schlechteste und das Beste.

Die Grenze der Belastbarkeit Deutschlands, die Politiker gerade im Dutzend verbal zu errichten versuchen, ist nicht da erreicht, wo das eigene Leben, der eigene Alltag betroffen ist – wobei der Alltag der Meisten bisher nicht betroffen ist.

An die Menschlichkeit zu appellieren und Zuversicht einzufordern, ist nicht naiv.

Bis jetzt ist die Hilfsbereitschaft der Menschen gross.

Es sieht aber so aus, als gingen in den vergangenen Wochen bei immer mehr Menschen die Fähigkeit zur Empathie verloren, wenn es um Flüchlinge geht.

Dabei sind genau das die Fähigkeiten, die diesen Augenblick rückblickend zu einem der besten der jüngeren deutschen Geschichte machen können.

Andererseits sind brennende Flüchtlingsunterkünfte, die Zunahme rechter Gewalttaten, die Zunahme rechter Wähler auch Anzeichen, dass es sich zum Schlechtesten wenden könnte.

Wir alle sind gefordert!

Den Menschen die kommen, denen kann man den wenigsten Vorwurf machen.

Die Solidarität und der respektvolle Umgang mit diesen Menschen ist eine Frage des Humanismus, wenn man will unserer christlichen Werte. Und es ist eine Frage unseres Selbstverständnisses.

Aber genauso ernst müssen die Sorgen und die Ängste der deutschen Bevölkerung genommen werden. Wir werden nicht umhin kommen, den Zuzug in irgendeiner Form in geordnete Bahnen zu bekommen und auch zu begrenzen. Zäune und Mauern sind unserer Meinung nach keine Lösung. Die hatten wir in Deutschland in jüngster Vergangenheit schon mit Schiessbefehlt und Toten.

Eins stellt sich für uns ganz klar dar:

Für die Situation, die Menschen dazu gebracht hat, ihre Länder zu verlassen, ist Deutschland / USA und der Westen im wesentlichen auch mit – verantwortlich – ich sage mit-verantwortlich.

Wir – das heisst Deutschland – unterstützen in vielen Ländern des nahen Osten korrupte Politikereliten und mafiöse Strukturen. Unseren wirtschafltichen Interessen sind der Hintergrund. Wir unterstützen sie mit Waffenlieferungen und Schmiergeldzahlungen. Wer welche Gruppe gegen wen mit Geldern und Waffen unterstützt weiss im Grunde keiner mehr. Frühere “Freunde” sind plötzlich Feinde und umgekehrt. Wir sind beteiligt die Region zu destabilisieren und dauerhafte friedliche Zustände zu verhindern.

  • Wir betreiben eine Wirtschaftspolitik, die im wesentlichen unseren Interessen dient und die Bedürfnisse der armen Länder mit Füssen tritt. Der Hunger in der Welt wird nicht weniger, Jeden Tag sterben 24.000 Menschen, alle 5 Sekunden verhungert ein Kind. Wir verhandeln Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada um unsere wirtschafltiche Macht abzusichern und auszubauen. Wir wollen die letzten Winkel dieser Welt als Märkte für unsere Waren öffnen, auch um den Preis dortige lokale Märkte zu zerstören.

  • Wir führen mit der Art, wie wir wirtschaften, eine Klimakatastrophe herbei, die die Existenz ganzer Regionen und Länder bedroht.

Wenn wir es nicht schaffen, die Kriege einzudämmen und

wenn wir es nicht schaffen den Hunger in der Welt zu besiegen und

wenn wir es nicht schaffen, die Klimaerwärmung zu stoppen,

werden sich noch viel mehr Menschen auf den Weg machen.

Auf den Weg machen müssen!

Es gibt aber auch Hoffnung.

Viele Menschen spüren, dass es so nicht weiter gehen kann. Und immer mehr Menschen sind bereit, sich für andere Verhältnisse einzusetzen.

Papst Franziskus fordert mit seiner Enzyklika “Laudato si” eine Abkehr von der Art wie wir wirtschaften. Er fordert eine solidarische Ökonomie, die allen Menschen gerecht wird und vor allem die Armen der Welt in den Mittelpunkt stellt.

Es gibt sie noch, die überwältigende Hilfsbereitschaft der Menschen, obwohl wir genauso wissen, dass wir nicht “alle Menschen dieser Welt” bei uns aufnehmen können.

Es beginnt eine Diskussion, zwar recht zaghaft aber immerhin: wie wir in den Kriegs- und Hungergebieten bessere Verhältnisse schaffen können.

Es beginnt eine Diskussion, dass wir ein Einwanderungsgesetz brauchen, denn nach Ansicht von vielen Experten braucht Deutschland pro Jahr eine Zuwanderung von ca. 500.000 Menschen

Wir müssen helfen in den Heimatländern der Flüchtlinge eine Situation zu schaffen, die sie veranlassen dort bleiben zu können. Um eine lebenswerte Zukunft zu sehen, reicht es für viele Menschen oftmals aus, eine Hoffnung zu haben, dass es morgen besser wird.

Sie fordern zuerst mal keinen Wohlstand.

Ihnen die Sicherheit ihres eigenen Lebens und ihrer Kinder zu garantieren, ist oft schon genug.

Deutschland hat viele Möglichkeiten dazu.

Wir sind ein reiches und ein einfluss-reiches Land.

Fordern wir von unseren Politikern, sich für einen fairen Handel mit allen Weltregionen einzusetzten und nicht für die Freihandelsabkommen, wie sie momentan verhandelt werden.

Fordern wir, den Hunger in der Welt entschieden zu bekämpfen und

Fordern wir, alles zu tun, dass Waffenexporte und damit Kriege gestoppt werden

Nach dem Motto von attac: eine andere Welt ist möglich

und ich möchte noch hinzufügen: eine andere Welt ist dringend nötig.

Danke

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