Rede Mahnwache 20.6. – Schimmer-Göresz

Liebe Anwesende,

danke, dass Sie auch heute, am 101sten Tag nach Fukushima an unserer Mahnwache teilnehmen.

„Sokkoku ki“ nennt sich im Buddhismus der 100. Tag nach dem Tod. „Sokkoku“ bedeutet, man soll nach 100 Tagen aufhören zu weinen. „ki“ steht für Ritus. Wer immer weiter weint, so die Vorstellung, löscht die Tränen des Lampenlichts, das der Tod im Jenseits trägt.

Soweit der Buddhismus. Wir befinden uns in einem Land mit real existierendem Kapitalismus, wo andere Riten gepflegt werden. Zum Beispiel, dass Atomstrom-Konzerne die künftige Energiepolitik, die zwar diskutiert, aber noch nicht beschlossen wurde, verhindern wollen. Die vier großen Energie-Besatzungsmächte wollen, so steht es heute zu lesen, Milliarden Euro vom Bund eintreiben. Sie prüfen eine Verfassungsklage gegen die Energiewende in Deutschland.

Wir glaubte, dass Angela Merkels Damaskuserlebnis Fukushima zu einem baldigen Ende der risikobehafteten Atomenergie führen würde, darf sich aller Wahrscheinlichkeit nach, noch auf einen langen Weg einstellen.

Und unabhängig von dem, was RWE, EnBW, E-On und Vattenfall, gerade planen, ist das, was die Bundesregierung am 30. Juni diskutieren und abstimmen will, nicht geeignet, um im Bild zu bleiben, die Tränen der Anti-AKW-Bewegung zu trocknen.

Entscheidende Forderung der Ethik-Kommis-sion werden nicht übernommen. Die Sicherheitsfrage der AKW’s in Bezug auf Terrorgefahr und Flugzeugabstürze soll keine Rolle mehr spielen. Es fehlt an Auflagen zur Nachrüstung und es fehlt an der Forderung nach einer risikogerechten Haftpflicht aller Atomanlagen. Und es ist unverantwortlich und nicht hinnehmbar, dass nicht alle riskanten Siedewasserreaktoren mit nur einem Haupt-kreislauf, ohne zweiten Sicherheitskreislauf, sofort abgeschaltet und für immer vom Netz genommen werden. Unser schwäbisches Atomkraftwerk in Gundremmingen, soll weiter betrieben werden. Der Block B soll 2017 und der Block C sogar erst im Jahr 2021 abgeschaltet werden.
Wer gestern zum 100sten Tag nach Fukushima bei der Mahnwache am Atomkraftwerk Gundremmingen zugegen war, der konnte die Forderung des Schwabenenergierates aus dem Mund von Raimund Kamm vernehmen.

Ich will Ihnen die Günzburger Erklärung vorlesen.

……………..

Und ich möchte Sie bitten, Gundremmingen ganz besonders in den Fokus zu nehmen. Ich habe Ihnen ein Info-Blatt des BUND mitgebracht, dem Sie alle wichtigen Details entnehmen können. Ich möchte Sie weiter bitten, eine Mitgliedschaft zum Preis von 15 Euro pro Jahr beim Verein FORUM – gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik ernsthaft zu überlegen. Denn es wird sehr darauf ankommen, wie stark sich der Widerstand gegen das Ausstiegsszenario der Bundesregierung organisieren lässt. Noch ist nicht alles entschieden, noch sollte jeder und jede Einzelne von uns, auf Bundestagsab-geordnete einwirken und ihnen mit aller Deutlichkeit zu verstehen geben: Wer diesem Atomkonsens, der kein Konsens, sondern wiederum ein Entgegenkommen an die großen Energiekonzerne ist, zustimmt, der wird bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr gewählt.

Ich habe schon bei meiner letzten Ansprache stark auf unsere Verantwortung abgestellt. Erst gestern hatte ich Kontakt zu einer Mutter mit zwei Kindern, die allen Ernstes glaubt, dass es keinen Sinn macht, seinen Stromanbieter zu wechseln und ab sofort 100 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien zu beziehen. Diese fatalistischen Einstellung, der einzelne sei machtlos, man könne doch nichts ausrichten gegen die Interessen der Konzerne und der Politik macht mich wütend. Wer, wenn nicht wir, kann die notwendigen Veränderung herbeiführen? Ich habe mir gestern in Gundremmingen ein paar Worte der Jugendlichen eingeprägt.

Wir sollen
Trauer umwandeln in Power und unsere
Wut umwandeln in Mut.
Und ich möchte noch hinzufügen:
Wandeln wir unsere Ohnmacht in Macht, indem wir das machen, was in unserer Macht steht und das ist zu allererst die Aufkündigung eines Stromliefervertrages mit LEW, die in unserer Region für RWE steht, mit EnBW, E-On oder Vattenfall.

Bombardieren Sie die Bundestagsabge-ordneten unserer Region mit Protest-E-Mails. Verlangen Sie die Stilllegung von Grundremmingen Block B und C bis spätestens 2012 und die Stilllegung aller weiteren deutschen Atomkraftwerke bis 2015, wie es eine Analyse von Greenpeace als machbar benennt oder bis spätestens 2017, wie es das Bundesumweltamt als problemlos machbar erachtet hat.

Wenn Sie weitere Informationen brauchen, wenden Sie sich an das Bündnis. Nutzen wir die verbleibende Zeit bis 30. Juni.

Hermann Hesse hat ein treffendes Gedicht geschrieben: „Heute liegt die politische Vernunft nicht mehr dort, wo die politische Macht liegt. Es muss ein Zustrom von Intelligenz und Intuition aus nichtoffiziellen Kreisen stattfinden, wenn Katastrophen verhütet oder gemildert werden sollen.“

Sie haben die Intelligenz und die Intuition. Erteilen wir gemeinsam den entscheidenden Politikern die notwendige Nachhilfe.

Bei den letzten Mahnwachen haben die Redebeiträge nahezu alles an sachlicher und fachlicher Information geliefert.

Ich will daher nichts mehr wiederholen, sondern enden mit einem weiteren Gedicht aus dem Heft „Bilder vom Menschen“, ein Begleitprodukt einer vielgereisten Umweltaus-stellung aus dem Jahr 1982. Alt und doch aktueller denn je.

„Der Mensch hat die Frucht vom Baum der Erkenntnis unwiderruflich gegessen. Jedoch nur zur Hälfte – wie die Bibel berichtet – teilten Eva und Adam den Apfel. Das Zeitalter der Technik ist ein Zeitalter des Mannes – ist damit der Widersinn in unserer Politik erklärt? Welchen Wert z.B. hat unsere Rüstung, wenn wir mit dem Beschuss von zwei „friedlichen Atomkraftwerken für 20.000 Jahre aus der Landkarte gelöscht werden können?
Vernichtungswaffen werden durch Männer geplant und eingesetzt. Sie haben nie die Geburt eines Kindes am eigenen Körper und in der eigenen Seele erlebt.
Kommen wir vielleicht zu besseren Lösungen, wenn Evas Erkenntnishälfte in gleicher Weise in die Politik eingebracht wird.“

Bevor wir uns in ein paar Minuten der Besinnung zurückziehen, noch ein Gebet bzw. einen Segen aus dem Gottesdienstbuch der Vollversammlung des Weltkirchenrates 2006 in Porto Alegre)

„Möge Gott dich segnen mit Unbehagen
Gegenüber allzu einfachen Antworten,
Halbwahrheiten und oberflächlichen
Beziehungen,
damit Leben in der Tiefe deines Herzens wohnt.

Möge Gott dich mit Zorn segnen
Gegenüber Ungerechtigkeit, Unterdrückung
Und Ausbeutung von Menschen,
damit du nach Gerechtigkeit,
Gleichberechtigung und Frieden strebst.

Möge Gott dich mit Tränen segnen,
zu vergießen für die, die unter Schmerzen,
Ablehnung, Hunger und Krieg leiden, und ich füge ein: die unter den Folgen eines Gaus und Supergaus leiden,
damit du deine Hand ausstreckst, um sie zu trösten und ihren Schmerz in Freude zu verwandeln.

Und möge Gott dich mit der Torheit segnen,
daran zu glauben, dass du die Welt verändern kannst, indem du Dinge tust,
von denen andere meinen, es sei unmöglich, sie zu tun.

Danke für ihr Verweilen. Schließen wir nun den Kreis und schweigen wir für wenige Minuten.

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