Worte zur Mahnwache 30.05.11

Worte zur Mahnwache 30. Mai 2011. von Wolfgang Weiss

Mitmahnende die Ihr heute auf dem Marktplatz in Memmingen zusammen gekommen seid um
gemeinsam an der 10ten Mahnwache am 80ten Tage nach der Katastrophe von Fukushima derer zu gedenken, die dieser menschenverachtenden Energienutzung zum Opfer gefallen sind und für lange Zeiten noch fallen werden.

Mein Name ist Wolfgang Weiss. Ich bin ein Vertreter des Bündnisses für ein regeneratives
Memmingen und gegen Atomkraft.

Ich will Euch heute mit einem Szenario konfrontieren, das sich die wenigsten von uns so vorstellen können, aber dennoch ist es eine bittere reale Bedrohung, die wir allzu gerne verdrängen, weil sie in einer unvorstellbarer Brutalität und Rücksichtslosigkeit zuschlägt, die wir einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen in der Lage sind, da sie unsere Vorstellungskraft übersteigt.

Es nennt sich strahlendes atomares Restrisiko, und wie Franz Alt am Samstag wieder in Ulm bei der Atomkraftschluss-Demo gesagt hat, es gibt und nimmt uns den Rest den wir noch haben, aber sicher.

Schauen wir hinüber über das Rathaus hinweg. In dieser Richtung liegt etwa 60km entfernt Deutschlands größte Atomanlage, Gundremmingen mit zwei Siedewasserreaktoren desselben Typs wir sie in Fukushima havarierten. Sie besitzen nur einen Hauptkreislauf, werden zum Teil mit Mischoxidbrennstäben, angereichert mit Plutonium und mit wiederaufbereiteten Brennstäben betrieben, was sie nochmals gefährlicher macht. Darüber hinaus liegen die Abklingbecken außerhalb des Sicherheitsbehälters, so wie ebenfalls in Fukushima, wo bei einem Flugzeugabsturz oder einem Terroranschlages, diese dann offen liegen. Bei einem zu befürchtetem Kühlwasserverlust kommt es zu dem, was wir in Japan beobachten konnten.

Von welchem Bedrohungspotenzial müssen wir hier ausgehen?  Am Beispiel Tschernobyl und Fukushima, um nur zwei zu nennen, können Vergleiche des Potenzials gezogen  werden. Fukushima hat nach Berichten der Medien das 120-fache der radioaktiven Menge wie Tschernobyl. Gundremmingen hat im Vergleich zu Fukushima, fast das Doppelte an Brennstäben in den Abklingbecken. Das entspricht in etwa 80zig Castoren Füllungen. Mit den dort schon stehenden 31 Castoren ergibt sich eine Abfallmenge von über 100-mal radioaktivem Tschernobyl die 1 Million Jahre lang strahlen. Dazu kommt dann noch der Inhalt der Reaktoren selbst, sodass dadurch selbst Fukushima in den radioaktiven Schatten gestellt wird. Nur so viel zum Bedrohungspotenzial, mal abgesehen von den schweizerischen und französischen AKWs, die ja in etwa in unserer  Hauptwindrichtung liegen.

Allein deshalb sage ich AKWs abschalten, sofort
Nun zu dem angesprochenem Szenario.  Es sind keine Behauptung von mir, sondern entspricht
realen Abläufen, wie sie geschehen sind, ob in Majak, Harrisburg,  Tschernobyl und zuletzt  in Fukushima. Stellt Euch mal folgendes Szenario vor:      Ihr habt gehört es hat einen Störfall in einer Atomanlage gegeben. So wie es schon öfter in unserer Welt geschehen ist. Etwas Genaues wird denn Bürger nicht mitgeteilt. Es wird nur bekannt gegeben ein Störfall liege in der weiteren Region vor, der Betreiber tut alles um schlimmeres zu verhindern, eine unmittelbare Gefahr gebe es nicht für die Bevölkerung. Stunden, Tage vergehen, die Verantwortlichen beschwichtigen, verharmlosen sie tun alles um Schaden vom Bürger abzuwenden sagen Sie,  weiterhin bestehe keine unmittelbare Gefahr. Einige unabhängige Wissenschaftler und Bürgerinitiativen warnen da steckt mehr dahinter. Weitere Dementis und Beschwichtigungen, dann irgendwann ertönt dieses Signal.

Ich demonstriere es hier mit diesem Gerät!     Atomalarm!!!
Katastrophenschutz,  Polizei mit Lautsprecher, Radiodurchsagen. Eine Anordnung der Sicherheitsbehörden:  Verlassen sie innerhalb einer Stunde ihre Häuser und Wohnungen, nehmen sie nur das allernötigste mit, Kleidung, Papiere, Wertsachen. Verlassen sie in der genannten Richtung die Stadt, sie werden von den Sicherheitsbehörden in die Fluchtrichtungen eingewiesen. Personen die kein Fahrzeug haben sollen sich innerhalb einer Stunde an genannten Plätzen einfinden, wo Busse bereit stehen. Es wird darauf hingewiesen, es darf nur das allernötigste mitgenommen werden. An bekannt  gemachten Stellen werden an die Bürger Jodtabletten ausgegeben. Beachten sie strikt die Anordnungen der Sicherheitsbehörden, es kann von der Schusswaffe Gebrauch gemacht werden.

Frage: was passiert jetzt?     Es passiert das Unvorstellbare, das nie passieren sollte!
Hat einer von uns je gedacht, dass die Bürger in Majak, Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima je mit diesem Restrisiko gerechnet haben. Sicherlich nicht, genauso wie wir, auch nicht!

Caos, Panik, totale Verwirrung, was tue ich als erstes, Kinder oder Bettlägerige retten, Geld oder Haustiere mitnehmen, was zu Essen oder Trinken richten, wo sind die Medikamente,  ist der PKW auch aufgetankt? Vielleicht fällt  jetzt noch der Strom aus, Entsetzen wo ist die Taschenlampe, Kinder weinen suchen Ihr Lieblingsspielzeug ihren Teddybär, Schockzustände machen sich breit, alles liegen lassen, Panikartig alles sofort verlassen, bevor alle im Stau stecken, was ist mit den Angehörigen in den Krankenhäusern in den Pflegeheimen, was mit den Besucher die hier oder anderenorts sind, werde ich Sie je wiederfinden?  Was macht der Landwirt?  kann er seine Tiere noch ins Freie bringen, Rinder, Schweine, Schafe, Hühner wo sie sich selbst überlassen werden, wer wird sie Melken und Füttern, unvorstellbare Gedanken jagen panikartig durchs Gehirn, Grauen kalter Schweiß, Ängste.

Was jetzt eintritt konnte schon in vielen Filmen, zuletzt im Film   „Die Wolke“ anschaulich beobachtet werden. Aufbruch in Panik. Wie komme ich zu Fuß mit Gehbehinderten, mit Alten mit Kleinkindern zu den Bussen. Menschen hetzen, jagen mit den Fahrzeugen durch die Straßen. Heulen der Sirenen von Rettungskräften. Jeder will der erste sein der dem Caos entkommen will. Einfach nur weg egal wohin, mit tausenden Fahrzeugen auf den Straßen, im  Stau. Unfälle, liegengebliebene Fahrzeuge, Menschen die versuchen irgendwo Treibstoff zu bekommen, Menschen die mitgenommen werden wollen, Hilf- und Ratlosigkeit  wo man hinschaut. Wie viel  Menschlichkeit wird hier wohl zum Opfer fallen.

Dann erste Gedanken in welche Richtung geht denn die Flucht, wo kann ich unterkommen, kenn ich Jemanden, in entsprechender Entfernung. Gibt es dort vielleicht Verwandte oder Freunde, habe ich die Geldkarte vergessen, wichtige Papiere, lieber bei der nächsten Gelegenheit zu einer Bankfiliale und Abheben was geht an Mitteln. Doch bereits zu spät der Apparat gibt nicht mehr her, alles leer
andere sind schon vor mir auf den Gedanken gekommen. Werden mich Menschen überhaupt annehmen, vielleicht sind wir schon verstrahlt, die anderen haben Angst verschließen die Türen und Fenster, igeln sich ein. Die Grenzen werden alsbald dicht gemacht, die Konten im Ausland gesperrt, die Banken müssen sich ja vor Verlusten absichern. Dem Bürger fallen reflexartig die Fälle Majak, Tschernobyl, und Fukushima ein, wo die Bürger Tage, ja Wochen der Radioaktivität ausgesetzt waren bevor die Betreiber und Politiker die Evakuierung im Hauruckverfahren anordneten.

Werde ich meine Familie wieder finden, sind sie unverletzt entkommen, werde ich nun mit meinen Angehörigen in Turnhallen, leeren Fabrikgebäuden in Kartonabteilen Monate verbringen, die Toilette und Dusche mit hunderten teilen, werden mir meine letzten Sachen die ich noch  auf der Haut trage abgenommen weil sie Strahlenbelastet sind, ist Heim und Hof für immer verloren ohne Wiederkehr in menschlichen Zeiten gerechnet. Werde ich irgendwo Arbeit finden? Bekommen wir pro Familie auch nur 8500 Euro Entschädigung für unser Eigentum wie in Fukushima. Was ist mit den zurück gebliebenen Tieren, mit den Ernten, schreckliche Vorstellungen martern das Gehirn.

Schlaflosigkeit und Ruhelosigkeit macht sich breit. Wir wussten doch dass die Atomanlagen nur geringfügig versichert sind mit vielleicht 2.5 Milliarden Euro. Ich habe doch selbst diese Politiker gewählt, die zugelassen haben, dass Atomanlagen wenig, ich mein Heim und Auto aber ausreichend versichern musste, nur damit der Atomstrom billig ist. Was ist mit meiner Arbeitsstelle, meiner Firma, meinem Geschäft, meiner Landwirtschaft, lauter quälende Fragen die einem Angst vor der unbekannten Zukunft macht.  Wer wird meine Fragen beantworten, wer mir weiterhelfen, wo zehntausende dasselbe Schicksal  ertragen müssen, wer gibt uns Essen und  Trinken, das letzte Geld ist schnell verbraucht. Hilflos bin ich den Behörden ausgeliefert. Wer wird bei erwarteten Strahlenkrankheiten helfen, kann es überhaupt ausreichende Hilfe geben. Werden wir selbst unsäglichem Leid überlassen, wie wir unsere Haustiere sich selbst überlassen mussten. Drohen tausendfache Krebserkrankungen, Erbschäden, Leiden, in der Zukunft, wie werden unsere Kinder davon betroffen sein?

Wie konnte ich nur in der Vergangenheit so blind sein und den Versprechen so gutgläubig vertrauen. Habe ich mir doch mein Verderben politisch selbst erwählt. Jetzt ist es zu einer Einsicht zu spät. Aber vielleicht besucht unser Lager ein hochrangiger Politiker, verbeugt sich vor uns, wie in Japan und verspricht alles Menschenmögliche  zu tun, um unseren Schaden unser Leid zu lindern. Aber leider, durch dieses große Unglück, dem Restrisiko, das ja keiner hat je ahnen können, dass es passiert, hat unser Land so hart getroffen, dass wir nicht in der Lage sind sofort und ausreichende Hilfe zu leisten. Wir bitten um Euer Verständnis für diese so missliche Lage. In den Lagern können dann Wochen, Monate nach dem Unglück die Geschädigten scheibchenweise erfahren wie sie hintergangen und getäuscht wurden. Wie die Manger der Atombetreiber mit Millionen in den Ruhestand verabschiedet werden und die verantwortlichen Politiker weitermachen wie zuvor, ohne dass Jemand dafür rechtlich vor Gericht oder zur Verantwortung gezogen wird. Kennt Jemand einen, der in den genannten Fällen vor Gericht kam, ich kenne keinen!

Ja, werte Teilnehmer, so oder so ähnlich kann jederzeit ein solches Szenario in unserer Region eintreten. Das Restrisiko das uns den Rest geben wird wenn es Eintritt ist Realität und nicht dem Reich der Fabel zu zuordnen. Einen schönen Gruß von unserem tödlichen Nachbarn in Gundremmingen und anderswo. Sehet die Grußtafel von Gundremmingen.

In Günzburg am Ostermontag bei der Groß-Demo zu 25. Jahre Tschernobyl ist der Satz geprägt worden  „Schluss mit Atom – wir kaufen nicht bei RWE + LEW den Strom“  Wir können also selbst etwas tun, wir müssen es nur wollen!  Wir vom Bündnis für ein regeneratives Memmingen, setzen uns ein, für eine verantwortbare dezentrale Energiepolitik in der Region. Gemeinsam wollen wir eine zukunftsfähige enkeltaugliche Energiewirtschaft voranbringen. Dafür lohnt sich jede noch so harte Arbeit, gut dass wir heute hier zusammen gekommen sind. Damit so ein Szenario niemals Wirklichkeit wird. Es liegt in unserer Hand welchen Politikern  wir unsere Stimmen anvertrauen und einer Energietechnologie den Weg weisen, die uns unsere menschlichen Fehler verzeiht.

Deshalb sage ich mit Euch gemeinsam AKWs abschalten, sofort

Lasst uns nun gemeinsam einen Kreis der Mahnung schließen und der Opfer still gedenken. Ich
danke für Eure Anteilnahme.

Lasst mich zum Schluss noch darauf hinweisen, dass die Mahnwachen bis zu einer
bürgerfreundlichen Energiewende der Regierung fortgeführt werden. Wir bitten Euch
in Eurem Bemühen nicht nachzulassen, für eine bessere Zukunft,

wenn nicht jetzt, wann dann!

AKWs abschalten, sofort      und nochmals mit  Atomalarm!

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