Worte zur Mahnwache 11.04.2011

Liebe Teilnehmer,
wir sind heute hier, weil wir mahnen und wachen wollen.
Mahnen, dass die Gefahren der Atomkraft sich nicht durch die Verniedlichung des Restrisikos verkleinern lassen.
Wachen darüber, dass unsere Anliegen nicht noch länger hinausgeschoben werden. Die Atomkraftwerke müssen abgeschaltet und die Energiewende muss eingeleitet werden.
Die Katastrophe von Fukushima hat uns gezeigt, welch großes Leid durch kleine Fehler entstehen kann. Nach wochenlangen TV-Einblendungen des havarierten Kraftwerks möchte ich Ihnen auch vermitteln, wie es um die Menschen dort bestellt ist. Franz Alt hat auf seiner Homepage die Email einer 16 jährigen Schülerin aus Fukushima, übersetzt durch  Koji Mochizuki, veröffentlicht.
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Hilf mir, ich bin eine Schülerin aus Minami-Soma in Fukushima.
Durch den Tsunami habe ich Freunde verloren, meine Freunde haben ihre Eltern verloren, meine beste Freundin steckt in Minami-Soma, weil sie ohne Benzin nicht fliehen kann.
Nur mit Telefon und Email kann ich sie ermuntern.
Ich kämpfe jetzt mit der Furcht vor der Radioaktivität.
Ich bin aber resigniert.
Mit sechzehn bin ich bereit für den Tod; ich fühle den herannahenden Tod.
Wäre ich auch gerettet, so müßte ich ständig mit der Furcht vor der Radioaktivität leben.
Die Politiker, der Staat, die Massenmedien, die Experten, die Bosse des AKW, sie alle sind Feinde. Sie alle sind Lügner.
Das Fernsehen berichtet immer weniger über das AKW, immer dieselbe Szene des Tsunami, herzlose Interviews durch die Medien, Beileidsbekundung nur als Lippenbekenntnis der Politiker, die den AKW-GAU als „Naturkatastrophe“ bezeichnen.
Politiker, helfen Sie uns mit Ihrem Gehalt und Ihren Ersparnissen. Hören Sie auf mit dem Luxus und helfen Sie den Opfern zu überleben.
Nicht nur Befehle erteilen, nicht nur von sicheren Orten zuschauen, sondern bitte vor Ort uns helfen!
Wir sind vernachlässigt, wahrscheinlich wird Fukushima isoliert.
Wir werden vernachlässigt, wir werden von dem Staat getötet.
Wir Katastrophenopfer werden dem Staat, der uns vernachlässigt hat, nie verzeihen, wir werden ihn immer hassen.
Ich möchte demjenigen, der diesen Zettel gelesen hat, mitteilen:
Sie wissen nicht, wann ein für Sie wertvoller Mensch plötzlich verschwindet. Stellen Sie sich vor, dass derjenige, der jetzt nebenan lacht, plötzlich verschwindet. Gehen Sie bitte mit ihm behutsamer um,
Unsere Schule, in der wir unsere Jugend verbringen, ist zur Leichenhalle geworden, in der Turnhalle, in der wir Sport und Clubaktivitäten treiben, liegen nun die reglosen Toten.
Wie kann ich die Wahrheit möglichst vielen mitteilen? Wenn auch nur einer diesen Zettel liest, wäre ich glücklich. Ich habe mir überlegt und so einen Zettel geschrieben. Ich entschuldige mich und ich bedanke mich.
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Schülerin wohnhaft ganz nah zum havarierten AKW Fukushima, veröffentlicht am 30.03.2011 in: http://ameblo.jp/tsukiji14/entry-10844839979.html

Mädchen, wir haben deine Worte gehört und sie berühren uns. In unseren Gedanken sind wir bei dir und deinem Volk. Wir fühlen mit dir und deinen Mitmenschen in Japan und wünschen ihnen viel Kraft, Lebensmut und Glück, um ihr schweres Leid durch zustehen.
Wir bitten Gott oder an wen auch immer wir glauben, euch beizustehen.
Liebe Teilnehmer der Mahnwache. Das Restrisiko, auch GAU oder „größter anzunehmender Unfall“ genannt, hat für uns seit 4 Wochen ein Gesicht und die Idee einer Dimension. In Deutschland sind die Ereignisse in Japan allerdings überwiegend nur Zahlen, interessante Berichte und Denkanstöße.
Doch für die Japaner in und um Fukushima ist die Welt aus den Fugen geraten, wie uns die Email des japanischen Mädchens eindrucksvoll schildert.
Die Menschen in Japan mussten erleben, was in den Augen vieler Politiker als statistisch vernachlässigbar galt. Fukushima hat vielen von uns die Augen geöffnet und die Dinge sichtbar gemacht, die so lange verdrängt wurden. Ich hoffe dass wir, dass Deutschland und dass die Welt die richtigen Schlüsse daraus zieht.
Was mich sehr traurig macht, ist die Argumentation vieler Menschen, dass unsere Atomkraftwerke weiterlaufen sollen, weil auch die ausländischen AKWS weiterlaufen. Nein, das kann nicht der Ernst der Leute sein, die dieses Argument in die Welt setzen! Weil mein Nachbar aus dem 10. Stock springt, springe ich auch hinaus? Ist das eine vernünftige Argumentation. Wir müssen umdenken, egal was die Nachbarn machen. Oder nehmen wir unsere Gehaltserhöhung zukünftig erst, wenn wir sicher sind, dass auch der Nachbar eine bekommen hat.
Ich bin Ingenieur und Wissenschaftler und wurde vor über 30 Jahren schon im Studium durch ehemalige Mitarbeiter des Kernforschungszentrums Karlsruhe auf die Gefahren der Atomindustrie aufmerksam gemacht. Von Ingenieuren und Wissenschaftlern, die sich mit Atomtechnologie bestens auskannten. Sie haben teilweise bei der Erforschung und beim Bau dieser Kraftwerke mitgearbeitet und sich aus ethischen Gründen von dieser Technologie abgewandt. Viele weitere Wissenschaftler und Ingenieure haben seither ihre Stimme gegen die Nutzung der Atomkraft erhoben. Wir mussten sich immer wieder von Politikern Technikfeindlichkeit vorwerfen lassen, und wurden als Fortschrittsverhinderer tituliert. In Wirklichkeit ging es der Politik aber nicht um Fortschritt, sondern nur um die Beihilfe zur Abzocke der Stromkonzerne. Dabei wurde von vielen Politikern ganz bewusst ein GAU in Kauf genommen.
Doch nun ist es an der Zeit die Realitäten zu sehen. Fukushima führt sie uns brutal vor Auge.
Jedes Atomkraftwerk beinhaltet ein Restrisiko ähnlich wie Fukushima!
Jedes Atomkraftwerk produziert Müll der für Millionen Jahre strahlt!
Jedes Atomkraftwerk öffnet die Tür zur Atombombe!
Darum fordern wir die schnellstmögliche Abschaltung der Atomkraftwerke, denn sie sind für eine sichere Energieversorgung bereits in diesem Jahrzehnt nicht mehr erforderlich.
Wir fordern den sofortigen Stopp weiterer Steuersubventionen für die Atomforschung. Dazu liegt hier auch noch eine Unterschriftenliste für eine Petition an den Bundestag aus.
Die Milliardenbeträge, die immer noch in die Subventionierung der Atomkraft laufen, sollen in die Effizienzforschung gesteckt werden.
Wir kennen die 3 E, die schon lange diskutiert wurden:
Einsparen
Effizienz steigern
Erneuerbare
Da kommen jetzt bei Strom noch ein E und ein S hinzu für
Endgültig abschalten und
Speichertechnologien ausbauen
Das macht dann 4*E + 1*S
Die 3 E für Einsparen, Effizienz und Erneuerbar gelten übrigens nicht nur für Strom, sondern auch für Heizenergie und auch für Autofahrten und Flugreisen. Denn je mehr CO2 wir einsparen, desto früher können wir die sogenannte Brücke der AKW abbauen.
Doch wir dürfen nicht nur fordern, wir müssen handeln und zwar sofort.
Bitte gehen Sie heute noch Ihren Energieverbrauch durch.
Wo können Sie einsparen. Das kostet nichts außer ein paar Gedanken und etwas guten Willen.
Wo können Sie effizientere Geräte beschaffen.
Wie wäre es mit einer Solarthermie- oder PV-Anlage auf dem Dach, mit einer Beteiligung an einem Windfonds oder einer Solaranlage.
Nehmen Sie sich nachher noch vor der Tagesschau einen Zettel zur Hand bilanzieren und reduzieren Sie Ihren Energieverbrauch. Wenn Sie es schaffen 15% einzusparen, so haben Sie so viel eingespart, wie die Atomkraftwerke heute in Deutschland noch Stromversorgung beitragen. Es ist gar nicht so schwer. Am Samstag haben wir einen Info-Stand in der Fußgängerzone, da können wir Ihnen noch gute Tipps geben.

Das Allerwichtigste und zugleich auch Einfachste aber ist: Schalten Sie die Atomkraftwerke durch den Wechsel Ihres Stromlieferanten ab. Aus Sicht unseres Bündnisses gibt es 4 derzeit uneingeschränkt empfehlenswerte Stromlieferanten: Greenpeace Energy, Lichtblick, Naturstrom und Energiewerke Schönau. Diese investieren ihr Geld in neue umweltschonende Kraftwerke.
Bitte verlieren Sie keine Zeit, heute Abend, vor der Tagesschau sollten Sie Ihren persönlichen Ausstieg über die Bühne bringen, damit das Gerede von der Stromlücke, den Kosten, der Versorgungssicherheit und und und … aufhört.
Lassen Sie uns handeln, denn mahnen und wachen allein reicht nicht. Zeigen wir unseren Politikern wie man handelt. Keinen Cent mehr für Atomkraftwerke, wir kaufen Ökostrom.
Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch zwei gute Nachrichten mit auf den Weg geben.
1.    Der Ausstieg aus der Atomenergie ist hier in Deutschland kurzfristig und zu 100% möglich, wenn wir alle mitmachen, zögerliche Nachbarn und Freunde überzeugen  und mit unserem Druck auf die Politik nicht nachlassen. Wir werden am 25.4. gemeinsam nach Gundremmingen fahren und dort eindrucksvoll demonstrieren, dass wir für das Abschalten sind.
2.    Die Stiftung Warentest hat in einer Umfrage zum Strombezug herausgefunden, dass die Bezieher von Ökostrom die glücklicheren Menschen sind. Tun Sie sich etwas Gutes, werden Sie glücklich und kaufen Sie Ökostrom.
Wir vom Organisationsteam wünschen Ihnen einen guten Stromwechsel, einen schönen Abend und eine schöne Woche. Bitte vergessen Sie nicht, sich für Gundremmingen anzumelden und unsere Petition zur Abschaffung der Euratom-Förderung zu unterschreiben.
Vielen Dank

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